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STEINWÜRFE IM GLASHAUS




Auszug aus dem Projektkonzept

Gopal, Nore und Jamal in action

Satire soll alles dürfen, hat mal einer gewünscht, der im eng geschnürten wilhelminischen Wertekorsett längst nicht alles durfte, was er satirisch wollte. Staatlich verordnete Werte sind inzwischen out. Stattdessen scheint über die ganze Gesellschaft eine Decke gebreitet, unter deren multikulturellem und neoliberalem Webmuster angeblich jeder den für ihn bestimmten Weg zum Glück finden kann. Die schöne neue Welt lässt grüßen.

Und wenn unter dem einen Zipfel kampftrinkfeste Braunbacken Menschenopfer für Doitschland den Doitschen zelebrieren, ist das höchstens eine bedauerliche Randerscheinung. Auch dass unter einem anderen Zipfel einem der beiden Geschlechter fast alle zivilisatorischen Errungenschaften vorenthalten werden, ist keineswegs dem mainstream anzulasten. Dieser kann schon deshalb für all das nichts, weil er eigentlich nur einen Wert akzeptiert, nämlich die von Kindesbeinen an freudige Zurichtung des individuellen Lebens auf optimale ökonomische Verwertbarkeit. Bizz, d.h. Job und Geld, das ist das Leben, alles andere pillepalle.

Also kein Grund zur Besorgnis. Hauptsache ist und bleibt die Einsicht in die Notwendigkeit, dass ohne Belohnungen für die Leistungsträger bei gleichzeitiger Mäßigung des Rests der globale Wettbewerb nicht zu gewinnen ist. Deshalb ist es nur logisch, wenn die einen nehmen, was zu kriegen ist, während die anderen zur Sicherung ihres künftigen Wohlstands jede Entbehrung willig ertragen.


DIE (?) Jugend in action

Und die Jugend? Ist es nicht ihr Vorrecht, gegen die Erwachsenen und ihre Welt zu rebellieren? Aber gegen welche eigentlich? Gegen die Altachtundsechziger, die behaupten, diese Gesellschaft erst zivilisiert zu haben, also in Sachen Rebellion ohnehin unübertrefflich sind? Gegen die noch Älteren, die schon so weit entfernt leben, dass sie den Unterschied zwischen SMS und MMS nicht kennen? Etwa gegen die Eltern, die einen weit gehend in Ruhe lassen, weil sie sich um den eigenen Verbleib im gesellschaftlichen Leben kümmern müssen? Gegen Lehrer, die der Einfachheit halber für alles Verständnis haben und alles gelten lassen? Gegen Traditionen, deren Bedeutungen eigentlich niemandem mehr so richtig klar sind?

Wenn aber Rebellion im alten Verständnis nicht lohnt, ist es dann nicht die höchste Kunst der Subversivität, sich aus der Welt der Erwachsenen lediglich das Material zu besorgen, mit dem dann das eigentliche Leben nach eigenen Maßstäben möglich wird? Aufstand durch Anpassung? Paralysierung und Aufhebung der Gesellschaft durch Ausbau einer Parallelwelt unter den Augen, aber außerhalb des Begriffshorizonts der Alten? Gibt es sie? Wie sieht sie aus? Wohin soll sie führen?

Wagen wir das Experiment und geben jenen eine Bühne, die Einblicke und Auskunft geben können, nämlich junge Menschen der Gegenwart. Verschaffen wir ihnen die Möglichkeit, den eingangs erwähnten Wunsch von Tucholsky zu erfüllen und frei von pc, aber niemals jenseits der Menschenwürde alles (Alles? Alles!) zu zeigen, was es aus ihrer Sicht über sie selbst, die anderen, das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu berichten gibt. Ganz nach dem Motto: Wer Glashäuser nicht will, der hebe den ersten Stein und achte auf die Scherben.




Gedruckt: 15.12.2018  |  www.steine-werfen.de
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